10.000 Schritte

„Wohin wollen wir gehen?“, fragte ich den Freund. „Wir gehen einfach“, antwortete er.

Die Kneipe war geschlossen, das Gym ebenfalls, und im Supermarkt kannten wir schon jedes Regal. Es war Zeit zu gehen.

Seit die Corona-Gebote den Alltag ausser Kraft setzen, streife ich täglich durch die Strassen von Berlin. Mobility im Virozän. Gehen statt Jammern.

Bei jedem Ausgang versuche ich 10.000 Schritte zu schaffen. Mindestens. Das sind bei meiner Größe von 1 Meter 80 etwa 6,5 Kilometer. Dafür brauche ich inkl. rasten, gucken, träumen und mal was ins Handy tippen, etwa zwei Stunden.

Der Freund, der mich begleitet und von dem ich am Beginn dieser Stadtwanderungen eine Richtungsentscheidung einforderte, bin ich übrigens selbst. Ich gehe gern allein. Ohne Ziel, ohne Plan. Ich lasse mich führen vom Navi namens Neugier.

Die Stadt hat noch immer Atemnot, auch wenn die meisten Geschäfte geöffnet haben. Die Fassaden sind müde, nur selten öffnet sich eine Tür. Kinos im Koma; wie Kulissen eines gerissenen Films. Nur im Supermarkt ist Maskenball. Eine Kundin an der Fleischtheke zuckt aus, weil der Verkäufer des Hack ohne Handschuhe aus der Theke holt. Auf den Spielplatzbänken feiern rotbackige Säufer. Der explodierende Flieder lacht uns alle aus.

Mit den Füssen schaut man genauer. Das war immer schon so.

Im Athen des 4. Jahrhunderts v. Chr. unterrichtete Aristoteles seine Schüler, die
„Peripateriker“ (altgriech: die Herumwandler), beim Auf- und Abgehen in einer zum Garten hin offenen Wandelhalle (altgriech: Peripatos) des Gymnasiums.Der aufrechte Gang in Bewegung, das lässige, spielerische Rumhampeln,war für Aristoteles das Alleinstellungsmerkmal des denkenden Menschen gegenüber den instinktgetriebenen, aufs nackte Überleben programmierte Vierbeinern.

Neurowissenschaftler haben eine schlüssige Erklärung: das menschliche Gehirn ist überhaupt erst durch Bewegung entstanden. Die Füsse mit ihren jeweils 26 Knochen und über 70.000 Nerven- Enden an der Sohle sind, evolutionsbiologisch gesehen, die Eltern der grauen Zellen. Wir nehmen unsere Umgebung beim Gehen viel deutlicher und ganzheitlicher wahr, als im Ruhezustand.

„Ich kann nur beim Gehen denken“,schrieb folgerichtig der französische Naturphilosoph Jean- Jaques Rousseau, „bleibe ich stehen,tun dies auch meine Gedanken“. Auch Immanuel Kant, der wirkmächtigste Denker der deutschen Aufklärung, benötigte den Spaziergang als Brainbooster. Jeden Abend, pünktlich um 19h, trat er seinen ausgedehnten Marsch durch die Gärten von Königsberg an. Er formulierte es so: “Wenn man spazieren geht, so ist das Spazierengehen selbst die Absicht und je länger es ist, umso angenehmer.“

10.000 Schritte. Ich gehe und fühle, daß der Wind nicht nur ein Freund ist. Daß die Birkenpollen fliegen. Daß die interessantesten Wege krumm sind. Daß der Boden sich ständig ändert: Teer, Gehwegplatten, Kopfsteinpflaster, Rasen, Schotter, Kiesel. Daß die Strasse die Seele massiert.

Die Worte der Philosophen Rousseau und Kant schmückten den Lifestyle des aufstrebenden Bürgertums im 18.Jahrhundert: Das Spazierengehen war damals zum statusträchtigen Zeitvertreib der gehobenen Mittelschicht geworden. Das gemeine Volk schuftete am Feld oder an der Werkbank, betrank sich danach und fiel in den Schlaf. Zu Fuss gingen bis dahin nur die Adeligen in ihren Schlossgärten und die Ärmsten, die sich kein Pferd leisten konnten. Nun aber zeigte eine neue Klasse, dass sie die Zeit und die Mittel hatte, sich in den Städten öffentlich und adelsgleich dem gepflegtem Schlendern hinzugeben. Beim Spaziergang in der Öffentlichkeit dokumentierte man Familienglück oder begründete, walking & talking, geschäftliche und geschlechtliche Verbindungen.

Mit den Bürgern und Philosophen zogen auch die Soziologen und Dichter die Wanderschuhe an.

Literatur lebt von Umwegen, Irrwegen, Abgründen. Der Schreibende erhofft nie weniger als die Begleitung durch den Leser. Schritt für Schritt. Wort für Wort. Das gilt von Goethe („Wilhelm Meisters Wanderjahre“) über Walter Benjamins „Passagenwerk“ und bis zum Literaturnobelpreisträger Peter Handke, der seine Notizbücher in der Hosentasche mit sich trägt, um beim Spazieren schreiben können.

In seinem Märchen „Die Abwesenheit“ textet Handke die vielleicht schönste Lobpreisung des Gehens: „Nur im Gehen öffnen sich die Räume und tanzen die Zwischenräume! Nur im Gehen drehe ich mich mit den Äpfeln im Baum. Nur dem Gehenden wächst ein Haupt auf den Schultern. Nur der Gehende erfährt die Ballen an seinen Füssen.Nur der Geher spürt den Zug durch den Körper… Nur der Geher holt sich ein und kommt zu sich. Nur was der Geher denkt, gilt.“

Die Idee der zehntausend Schritte stammt aus einer Marketingabteilung. Vor den Olympischen Spielen 1968 in Japan brachte die
Firma Yamasa das welterste elektronische Pedometer, einen Schrittzähler mit Namen Manpokei (jap. für „10.000 Schritte) auf den Markt. Das Produkt ist längst vergessen. Die 10.000 Schritte aber gelten als weltweit gültige Masseinheit.

„Das Leben dauert länger, wenn man geht“, lautet ein Schlüsselsatz im Buch „Gehen.Weitergehen“ (Insel- Verlag), in dem der Abenteurer Erging Kogge sämtliche Formen der bipedalen Fortbewegung feiert – Spazieren, Flanieren, Schreiten, Wandeln, Wandern, Pilgern. Der Norweger lief als junger Mann erst zum Südpol, dann zum Nordpol und bestieg schliesslich den Mount Everest. Mittlerweile, 58 Jahre alt, ist er erfolgreicher Verleger und Kunstsammler (und geht natürlich jeden Morgen mindestens 30 Minuten zu Fuss in sein Büro im Zentrum von Oslo).Kagges doppelte Wahrheit: Ein Spaziergang dehnt einerseits das subjektive Zeitempfinden, lässt die Minuten also langsamer verrinnen, und dient gleichzeitig der objektiven Lebensverlängerung, weil Gehen Erkrankungen vorbeugt oder sie mildert.

Alzheimer, Diabetes, Depression, Herzerkrankungen – zahlreiche Studien belegen die Heilkraft des Spazierens .Die Universität von San Francisco fand in einer Studie mit über 5000 Probanden heraus, daß tägliches Gehen das Risiko an Demenz zu erkranken um 50 Prozent reduziert. Bei Diabetikern bewirken schon 30 Minuten Gehen nach der Hauptmahlzeit eine relevante Senkung von Blutdruck und Blutzuckerspiegel. In der Klinik der zwei Beine wird fast jede Maladie therapiert. Auch die Krankheit Misstrauen.

Ich weiß nicht, wieviel tausend Schritte Helmut Kohl und Michail Gorbatschow im Juli 1990 am Ufer eines reissenden Flusses im Selemtschuk-Tal im Kaukasus miteinander gegangen sind. Ich weiß aber, daß nebeneinander gehen den Herzschlag, den Atem und möglicherweise auch die Gehirnströme synchronisiert. Der deutsche Bundeskanzler trägt an diesem Sommertag vor 30 Jahren eine Strickjacke überm weissen Hemd, der Generalsekretär der KPdSU hat einen Pullover übergezogen. Sie sprechen über Privates, Familiengeschichte und Fussball. Während am Konferenztisch jedes Gespräch sehr schnell zur Konfrontation und zum Hahnenkampf wird, läuft man beim Spazieren in die selbe Richtung. Die Worte folgen dem Rhythmus der Schuhe. „Keiner von uns hatte Lust in diesem Augenblick über große Politik zu reden“, wird sich Kohl später erinnern, „und so plauderten wir über Gott und die Welt“. Kurze Zeit nach diesem Spaziergang stimmt die Sowjetunion unerwartet und friktionsfrei der Souveränität und NATO-Mitgliedschaft des wiedervereinten Deutschland zu.

10.000 Schritte. Ein immer wiederkehrendes Phänomen beim Spazierengehen ist, daß man sich, wenn man nur lange genug gelaufen ist, im Tal der Erinnerungen wiederfindet. Und so wurde ich neulich, auf einem meiner Corona-Wege, zum kleinen Jungen in Plastikstiefeln.

Ich bin knapp vier Jahre alt. Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag und eisig kalt am Kommunalfriedhof in Salzburg-Gneis. Schnee, so hoch habe ich ihn nie wieder liegen sehen. Flocken, so dicht haben sie nie wieder mein Gesicht umschwirrt. Durch meinen gestrickten Fäustling spüre ich den Lederhandschuh des Vaters. Er trägt einen zweireihigen Salz-und-Pfeffer-Mantel, Schal und Hut. Gern hätte ich, daß er sich zu mir runterbeugt oder mich trägt, aber seine Stimme ist so fern, als würde er vom Untersberg runter schreien.

Dieser Vater nimmt mich mit zum Grab seiner ersten Frau. Dort soll ich die Eiszapfen vom Kreuz brechen und die rote Kerze im Grablicht anzünden. Der Friedhof. Die fremde Frau des Vaters im eisigen Grab. Das alles macht mir Angst. Meine Socken sind kalt und nass, irgendwie ist Schnee in die Stiefel gekommen. Der Vater verspricht mir heißen Tee, der würde mich wärmen , den bekämen wir bestimmt im Gasthof König Ludwig, wo er gern sein Bier trinkt, doch dorthin ist es weit. Ich aber will jetzt sofort nach Hause auf den Teppich unterm Christbaum. Zur ausgepackten Scarlectrix-Rennbahn und zur Mutter. Ich will eigentlich gar nicht mehr sein.

Die Tränen frieren, die Füsse schmerzen, und doch werden die Schritte langsam irgendwie Gewohnheit und es stellt sich sogar ansatzweise Geborgenheit ein. Der grosse Vater und das kleine Ich marschieren Hand in Hand durch das Dickicht der Flocken.Ein Team im Sturm und ein grosses Ziel: der heisse Tee. Endlich wird dann der König Ludwig erreicht, doch leider ist geschlossen. Macht gar nichts, beschliesst das Team, wir marschieren weiter ins nächste Wirtshaus. Einfach weiterlaufen, es wird dann schon besser. „Wohin wollen wir gehen?“ „Wir gehen einfach!“

Wenn der Himmel einstürzt, halten uns die Füsse auf dem Boden. Man sollte eine Abwrackprämie für Schuhe fordern.

(April, 2020)

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