Drei Tage mit Sebastian Kurz

Sebastian Kurz scheint für einen Moment verblüfft. 

Gerade habe ich ihm gesagt, man fühle sich hier eher wie auf Klassenfahrt, als wie auf einer Wahlkampftour. Gedankenpause. „Ich bin ein Rudelmensch“, erwidert er, „Ich funktioniere ausschließlich in der Zusammenarbeit mit Menschen, die ich mag“. Dann erklärt der ehemalige und ziemlich sicher künftige Bundeskanzler die Klassenfahrtatmosphäre: mit den meisten derer, die mit ihm im Wahlkampfbus zur nächsten Kundgebung fahren, macht er schon seit neun Jahren Politik. „Wir mögen uns und arbeiten gern zusammen“.

Auch nach der ersten  Bierzeltrede des Tages, ein paar hundert geschüttelten Händen und ebenso vielen Selfies, wirkt Sebastian Kurz, 32, geruchlos und wie frisch gebügelt. Sein bergseeblauer Anzug schlackert ein wenig. Das Lächeln sitzt so fest wie die Frisur, die übrigens auch Wahlkampfthema ist, aber dazu später.

Ein rollendes Grossraumbüro. Der 12-Tonner von Setra fährt  auf der regennassen Phyrrnautobahn Richtung Graz. Zur nächsten Kundgebung. Draußen verwandelt sich die sanfte oberösterreichische Hügellandschaft ins schroffe, wolkendunkle Liesingtal. Aus Tirol wird Schneefall gemeldet. 20 Zentimeter am  Brenner. Nach unerträglich heissen Sommerwochen ist vorgezogener Blitzwinter in Österreich.

Dreitagebärtige Jungs in weißen Slimfit-Hemden wuseln um den Kandidaten. Die Girls vom Social-Media-Team produzieren live für Facebook (ca 810.300 Follower) und Instagram (ca. 113.000 Abonnenten). Eine Nespresso-Maschine brummt im Dauerbetrieb. Axel Melchior,  der Bundesgeschäftsführer der Österreichischen Volkspartei, verteilt chinesisches Soulfood in Pappschalen an die Mitreisenden. Er ist mit seinen 37 Jahren einer der Ältesten im Team. Vier Jahre älter als sein Chef, dem er nun auch schon seit neun Jahren beisteht. Man kann nun also das Rudel im Wahlkampfmodus beobachten. 

Politische Verhaltensforschung. Wird man  Sebastian Kurz enträtseln? Wie führt er seine Leute? Wie hält er seine Partei zusammen? Was macht den 32-jährigen auch nach dem Zerbrechen seiner Regierung  zum Favoriten der österreichischen Wähler? Zum Messias der deutschen Konservativen, die in seiner Mitte-rechts-Politik ein Vorbild für die Union sehen? Zum „heiligen Sebastian“ („Der Standard“)? Zum „Sonnenkanzler“ („Spiegel“)? Zum „Staatsmann der neuen Art“ („New York Times“)? 

Als Rudel bezeichnet die Verhaltensbiologie eine geschlossene und individualisierte Gruppe von Säugetieren – geschlossen , weil die Mitglieder eines Rudels nicht beliebig austauschbar sind. Individualisiert, Gruppe, weil sie sich voneinander unterscheiden und untereinander erkennen. Innerhalb eines Rudels herrscht Rangordnung und  Arbeitsteilung.

Die Karriere des  Sebastian Kurz aus dem Wiener Arbeiterbezirk Meidling ist Rudelwork und Generationsprojekt.  Es ist die Geschichte vom Aufstieg einer Gruppe junger, selbstbewusster Konservativer, die sich vor ziemlich genau neun Jahren im dritten Stock eines Neorennaissance-Gebäudes In der Wiener Lichtenfelsgasse zusammengetan haben, um ihre Partei und ihr Land zu verändern. 

Man ist gegen Abtreibung, verachtet die rotgrüne Stadtregierung und findet die damaligen ÖVP-Führung zu weich und zu schwach. An den Bürowänden hängen Poster knapp  bekleideter Mädchen, die man heute unangenehm finden würde.  Am Weekend feiern sie  im U4, der legendären Wiener Disko, in der einst Falco Stammgast war. Privates und politisches verschwimmt.

Sebastian Kurz wird 2010 als 22jähriger Chef der JungenÖVP. Mit 23 Gemeinderat in Wien. Mit 24 Staatssekretär für Integration. Mit 26 Außenminister. Mit 30 Bundeskanzler. Zu der Gruppe, die ihn seit Jahren umgibt, zählen neben Axel Melchior, dem zurückhaltenden, öffentlichkeitsscheuem Organsisationgenie, auch  der eloquente Werber Philipp Maderthaner, 38, der die schwarze ÖVP türkis gefärbt hat und der geheimnisumwitterte Stefan Steiner, 41, der  den migrationskritischen Kurs entwickelt haben soll.  

„Vor großen Entscheidungen neige ich dazu, alles sehr lang zu hinterfragen und zu diskutieren. So  haben wir schon oft nächtelang Probleme und schwierige Entscheidungen gewälzt,  bis wir uns dann gemeinsam entschieden haben  Das geht nur mit Menschen, die man schätzt und die einem nahe sind“ , beschreibt Kurz im Wahlkampfbus seinen Führungsstil, der ein Lebensstil ist: Fast nie alleine sein.

Erst vier Monate sind vergangen, seit der Ibiza-Skandal featuring  HC „Zackzackzack“ Strache und Johannes „Joschi“ Gudenus,  die Koalition der ÖVP mit der FPÖ zerschmetterte. Der FPÖ-Chef und sein Buddy hatten sich sich in Redbull-Wodka-Hybris bereit gezeigt, Österreich an eine Fake-Oligarchien mit ungepflegten Fussnägeln zu verscherbeln. Seitdem befindet sich die Republik in einen brutalen Wahlkampf und Sebastian Kurz sich in seiner schwerste Bewährungsprobe.  

Im Grazer Raiffeisen Sportpark haben über 2000 Anhänger schon zwei Stunden gewartet, als der Kandidat endlich unter Marschmusikklängen einzieht, Blitzlichtgewitter, Bad in der Menge etc. Kurz hält nach der obligatorischen Begrüssungen seine Wahlkampf-Standardrede. Ja, die Koalition mit der FPÖ war gut, aber Ibiza hat es uns verdorben.Wir müssen was für den Klimaschutz tun und für Sicherheit und unser Brauchtum bewahren und die Steuerreform fortführen und eine Pflegeversicherung muss her. Das alles sagt er wie automatisch.

Wo ist die Energie und die Authentizität aus dem Bus? Hingestellt zwischen der österreichischen und der europäischen Fahne wirkt Kurz wie sein eigener Stunt. Irgendwie verloren, alleine da oben. Erst nach dem Auftritt, als sein Team das große Meet & Greet organisiert und der halbe Saal zum Selfiemachen ansteht, kommt wieder Leben in den Kandidaten. Sein Charisma braucht Nähe.

In den jüngsten Umfragen liegt die ÖVP  komfortabel  auf Platz Eins. ÖVP: 35 % , SPÖ: 22% ,  FPö: 20%, Grüne: 11%,Neos: 9 %. 

Die Kurz’sche Aura von Höflichkeit und  Zuggewandtheit scheint ihn gegen sämtliche  Skandale und Enthüllungen dieses Wahlkampfs zu immunisieren. Erst war da die peinliche Schredder-Affaire um jenen Kurz-Mitarbeiter, der unter falscher Identität geheime Druckerdaten aus dem Bundeskanzleramt vernichten lies. Dann die Aufregung um Spenden der Kaufhaus-Milliardärin Heidi Horten, die ihre Zuwendung kreativ in neun 49.000,-Euro-Tranchen stückelte und es so der ÖVP ermöglichte, die gesetzliche Veröffentlichungspflicht zu umgehen. Und nun die sogenannten „ÖVP-Files“ , ein gigantisches, mutmaßlich in Folge eines Hackerangriffs erbeutetes, Datenkonvolut von 1.300 Gigabyte. Das Magazin „Falter“ drucktgenüsslich Details aus der ÖVP-Buchhaltung: hohe Party-Kosten, Frisörrechnungen ( z.B.:„Hair-Grooming“  für 300 Euro),  Berater-Honorare  (z.B. 33.000 Euro monatlich für Rudelfreund Stefan Steiner ). Und dann lässt sich der Kurz in heftiger Abneigung verbundene, gestürzte Ex-ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner auch noch für ein Wahlwerbevideo der Sozialdemokraten einspannen.

Es regnet rein bei der ÖVP, aber Sebastian Kurz wird nicht nass. Rechnerisch sind drei Koalitionen möglich. Alle unter Kanzler Kurz. Erstens:  ÖVP+SPÖ, die klassische „Große Koalition“, die Österreich Jahrzehnte regiert und in weiten Teilen der Bevölkerung mit Filz und Stillstand assoziiert wird.Problem:  Die SPÖ ist gespalten in einen urbanen Feelgood-Flügel um die Parteichefin Pamela Rendu-Wagner und die Law-and-Order-Sozialisten, angeführt vom  burgenländischen Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil, der in seinem Bundesland mit der FPÖ koaliert und erst letzte Woche dem ungarischen Gottseibeiuns Viktor Orban seine Aufwartung gemacht hat. 

Zweitens: ÖVP+FPÖ, die  „Mitte-Rechts-Risiko-Koalition“. Auch die FPÖ besteht aus zwei Firmen. Während sich der Parteivorsitzende Norbert Hofer mit seiner Heinz-Rühmann-Tappsigkeit als Biederkeit auf Beinen präsentiert und im Wahlkampfvideo servil für eine Neuauflage der türkisblauen Koalition wirbt, versorgt sein Stellvertreter Herbert Kickl, der als Innenminister Asylbewerber in Lagern „konzentrieren“ wollte und stolz auf solche Sprüche ist, die Hardcore-Rechten mit Bösartigkeiten am laufenden Band.  Für Kurz jedenfalls ist der ehemalige Innenminister, neben der unbestreitbaren  Nähe zahlreicher FPÖ-Funktionäre zu den rechtsextremen Identitären, das größte Hindernis einer neuen türkis-blauen Koalition.  

Drittens: ÖVP+Grüne+Neos, das „Jamaika der Alpen“. Die Grünen haben, auch wenn sie zwei Wochen vor der Wahl von Korruptionsvorwürfen um ein umstrittenes Immobilienprojekt eingeholt werden, gute Chancen zweistellig ins Parlament einzuziehen. Sie liegen zwar in fast allen Positionen weit (Klimaschutz) bis sehr weit  (Migration)  von Kurz entfernt, bieten sich dennoch als Koalitionspartner an. Das „Tiroler Model“, dort regiert die Volkspartei schon in der zweiten Legislaturperiode mit den Grünen, wäre eine Alternative zur Fortsetzung von türkis-blau. Parteichef Werner Kogler, dessen Mimik so volksnah zerknittert ist, wie seine Hemden, sagt: „Wenn wir die Chance haben türkis-blau zu verhindern, ist es unsere Pflicht in Gespräche zur Regierungsbildung einzutreten“. Dazu braucht es die Neos als Dritte im Bunde. Die sind Fleisch vom Fleisch des ÖVP-Wirtschaftsflügels: ordoliberal und bürgerrechtlich. Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger  war selbst bis 2012 ÖVP-Mitglied. Türkis, grün, pink – das wäre dann Alpenjamaika  in der psychedelischsten Farbkombination seit es Koalitionen gibt.

Paradox: Alle kämpfen gegen Kurz. Aber alle wollen mit ihm koalieren. Und mit keinem passt es so ganz. Die Rieder Messe samt Volksfest und Tierschau ist seit 150 Jahren das gesellschaftliche Highlight im Innviertel, dem Landstrich mit den saftigen Wiesen und den mächtigen Vierkantbauernhöfen. Der Samstag beginnt auch in Ried mit heftigem Regen. Das Aufwachen fällt schwer. Melancholie tropft von den verlassenen Schaugeschäften, dem Riesenrad,  dem Kinderkarussell und den Schiessbuden. Eine Volksmusikkapelle, der Musikverein Zell am Pram, versucht dem ganzen Schwung zu verleihen, während knapp Dreitausend schirmbewehrte ÖVP-Freunde, vom Parkplatz ins grosse Festzelt ziehen. 

Drinnen startet die Show mit verbaler Aufwärmgymastik von Peter L.Eppinger, einem ehemaligen Radiostar, „Dancing Star“-Finalisten und Moderator des exzentrischen Wiener Life-Balls. Seit sie sich vor Jahren bei einer Preisverleihung kennengelernt haben, sieht er sich als enger Freund von Kurz („Wenn ich um 23h einen Anruf kriege, weiß ich, das kann nur der Sebastian sein“) von dessen „Höflichkeit und Aufmerksamkeit“  er nach wie vor begeistert sei. Schon seit der Wahlkampagne des Jahres 2017 ist L.Eppinger  „Sprecher der Bewegung Kurz“. „Ich bin der Peter – und Du bist der Trom-peter“, moderiert er die überraschend lässige Brassband an, die die Versammelten noch vor den Auftritten der Redner ans rhythmische Klatschen gewöhnen soll.

„Wer hat denn hier alles türkise Fingernägel?“, fragt er dann in die Runde.Die Kamera zoomt drauf. “Wer hat türkis Schnürsenkel?“. Eine Manuela, türkiser Rock, türkise Bluse, türkise Strickweste hat siebzig Türkise Freundschaftsbänder geknüpft und mitgebracht. Türkise Regenschirme,Fähnchen, Strickpullover –  alles Türkise wird sofort fotografiert, gepostet, gefilmt, auf die Großleinwand übertragen. Um sich zwischendurch mal zu enttürkisen scrollt der Reporter den Newsfeed  am Handy: – SPÖ fordert Rechtsanspruch auf Viertage-Woche. – FPÖ will Prostitutionsverbot für Flüchtlinge. – Ibiza-Video: Drahtzieher war Polizeispitzel. Wahlkampf, denkt er,  ist die Zeit, in der die Worte billiger werden. Dann knallt  August Wöchiger, vulgo „Der Gust“ , auf die Bühne und jetzt sind alle hellwach. Wöginger, leicht untersetzt, Brille mit hoher Dioptrienzahl, die ihm einen ebenso entrückten wie undurchschaubaren Ausdruck verleiht, ist das missing Link zwischen türkis und schwarz, zwischen der cheforientierten Kurz-Bewegung  und der alten, regional geprägten ÖVP. 

Kurz hat den Lokalmatador aus dem Innviertel zum Klubobmann der ÖVP-Parlamentsfraktion in Wien gemacht. Eine Naturgewalt im Trachtenjanker. In tiefem Innvierter Dialekt, wias dahoim holt so redn, führt Wöginger nach den üblichen Begrüßungen und Wir-sind-die-Guten-Floskeln nun Folgendes, dem Publikum aus der globalisierungsverunsicherten  Seele sprechendes, aus:  „Es kann ja nicht sein“, sagt er,“ dass wir unsere Kinder nach Wean  (=Wien, Anm. d. Red.) zum studieren schicken und dann kommen sie als Grüne zurück“. Kleine Pause, nun deutlich lauter: „Wer in unserem Hause schlaft und isst, der hat auch die Volkspartei zu wählen.“ 

Jeder Applaus ist anders. Es gibt den höflichen Applaus, den zustimmenden, den schäbigen und den schenkelklopfenden Applaus. Der Applaus, der nun folgt, wirkt anders: wissend. Es klatschen Hände, die sich noch an die grauslichen Zeiten der „gesunden Watschn“ erinnern. Wögingers Worte werden in den nächsten Tagen von den Wiener Qualitätsmedien als ewiggestrig verrissen, dabei hat der Gust eine sehr heutige Diagnose gestellt: die Schwarzen und die Grünen sind blutsverwandt. Zumindest hier am Land, wo–#.–Ä- -jederfünfte Bauer biologisch anbaut (Deutschland 8,3 %) und 70 Prozent der –des Stroms aus erneuerbaren Energien stammt (Deutschland 37,8 %) und by the way null Prozent aus Kohle, denn Österreich hat die Kohleförderung schon im Jahr 2005 eingestellt,

Das Klima hat sich verändert seit 2017 im Österreich., es gibt weniger Flüchtlinge und mehr Wetter. In den Umfragen liegt das Experiment Türkis-Grün-Pink mittlerweile vor der Wiederauflage eine ÖVP-FPÖ-Bündnisses. Fest steht: Sebastian Kurz gewinnt die Wahl am 29. September.

Aber die Koalitionsverhandlungen werden keine Klassenfahrt.

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